Zurück auf Los

Nach einer längeren Pause gibt’s heute dafür ein umso ausführlicheres Update über die letzten Wochen. In Athen haben wir unser Zelt gegen eine schöne AirBnB-Wohnung eingetauscht und ein paar entspannte Tage verbracht. Zwischendurch sind wir auch stundenlang durch die Stadt gelaufen, um diverse Fahrradläden nach Kartons und Verpackungsmaterial für unsere Räder abzuklappern. In liebevoller Detailarbeit haben wir dann fast den gesamten Tag vor dem Abflug damit verbracht, zwei Fahrräder möglichst sicher zu verpacken und den Transport zum Flughafen zu organisieren. Natürlich hatte just für den Tag, an dem wir nach Bangkok flogen, die Metro einen Streik angekündigt. Am Telefon mit der Taxigesellschaft in Athen haben wir mindestens dreimal auf die Maße unserer zwei in Kartons verpackten Räder hingewiesen und der netten Dame mehrfach versichert, dass die Räder ganz sicher nicht in den angekündigten Opel Astra passen würden, sondern wir etwas Größeres bräuchten – und was steht am nächsten Morgen vor der Tür: natürlich, ein Opel Astra... Überraschenderweise passten keine zwei Räder in den Wagen (wir haben echt alles gegeben...), sodass noch ein zweites Taxi kommen musste. Mit Müh und Not haben wir nach einer Dreiviertelstunde je einen Karton im Auto verstaut und uns selbst auf die Beifahrersitze gefaltet bekommen, sodass es mit reichlich Verspätung doch noch zum Flughafen gehen konnte. Zum Glück hatten wir 4 Stunden Reserve eingeplant!

 

Beim Check-In ging der Spaß weiter, unsere Begeisterung für das kreative Verpacken unserer Räder wurde leider nicht geteilt. Nach 45 Minuten Diskussion und nachdem wir unterschrieben hatten, dass Etihad keine Verantwortung für etwaige Schäden an den Rädern übernimmt (was wir aber – wie man uns mitteilte – so oder so hätten unterschreiben müssen), durften wir schließlich doch noch einchecken. Aber es hat sich gelohnt, die Räder kamen ohne eine Schramme in nur leicht zerfledderten Kartons in Bangkok an und wurden liebevoll das Gepäckband in den Laderaum unseres Fliegers hochgeschoben. Und bis auf einen kurzen Zwischenfall in Abu Dhabi, in der Laura auf eine dubiose (Gefährder?-)Liste aufgenommen wurde, weil man beim Durchleuchten des Handgepäcks die schwere Fahrradkette als Waffe einstufte, verlief der Rest des Fluges auch recht ereignislos. Die Fahrradkette durften wir nach langer Diskussion mit 5 verschiedenen Beamten übrigens doch behalten, mussten sie nur am Gate abgeben und im Laderaum verstauen, und wurden – weil dann nur noch wenige Minuten bis zum Ende des Boardings blieben – sogar persönlich zum Gate begleitet. Wir hatten uns das Fliegen mit Fahrrädern insgesamt ein bisschen stressfreier vorgestellt!

 

Angekommen in Bangkok wurden wir von der Hitze erschlagen. Insgesamt 10 Tage haben wir uns in Bangkok zum Akklimatisieren gegönnt. Auch hatten wir noch ein lange Liste, was repariert oder neu gekauft werden musste. In unserem netten, kleinen Hostel, das nur Radler aufnimmt, haben wir viele andere Fernradler getroffen und ein paar schöne Tage gemeinsam verbracht. Zelt, Kocher, die dicken Schlafsäcke – in Athen haben wir ordentlich aussortiert und reisen nun jeder mit 5 kg weniger im Gepäck. Dafür klemmt auf dem Gepäckträger der 6-Liter-Kanister Wasser, einen allzu großen Unterschied macht es eher nicht.

 

Zurück auf der Straße, mussten wir uns erstmal an den Linksverkehr gewöhnen. Einen ganzen Tag auf teils zehnspurigen Straßen hat es gedauert, bis Bangkok hinter uns lag. Das Reisen hier in Asien ist klimatisch und auch kulturell deutlich anspruchsvoller als in Europa, das haben wir schon nach wenigen Tagen gemerkt. Aufgrund der aktuellen politischen Lage in Myanmar, hatten wir uns in Bangkok entschieden, die geplante Runde in entgegengesetzter Richtung zu fahren, also erst Richtung Kambodscha und Vietnam zu starten. Die geplante Strecke wird die ersten 4000 km ziemlich flach sein, es geht höchstens mal auf 500 Meter hoch. Dafür merken wir rasch, dass es deutlich heißer ist, in der Mittagssonne steigt das Thermometer häufig weit über 40 Grad. In Kambodscha ist bis Ende November, in Vietnam sogar noch bis Ende Dezember Regenzeit, was wir in den ersten Tagen oft zu spüren bekamen. Englisch ist außerhalb der touristischen Zentren nicht sehr verbreitet und sowohl unser Thai wie auch unser Khmer lassen momentan noch zu wünschen übrig. Selbst auf Googlemaps eingezeichnete Hotels lassen sich oft nicht als solche erkennen, weil wir die Schriftzeichen nicht lesen können.

 

Direkt am ersten Abend fragten wir nach vergeblicher Suche in einem kleinen Ort in der Polizeistation um Rat. Wir suchten ein günstiges Hotel oder auch einfach einen sicheren Ort, um unser Mückennetz aufzuspannen, warm genug ist es auch nachts allemal. Rasch einigte man sich, dass wir am besten in der Polizeistation aufgehoben seien. Und so kam es, dass wir in der Kommandozentrale der kleinen Polizeistation unsere Matten ausbreiteten – und am nächsten Tag als Fotostory auf ihrer Facebookseite erscheinen.

 

In den nächsten Tagen fuhren wir immer entlang der Küste Richtung Kambodscha durch recht dicht besiedelte Gegenden. Wir lernten durch „Couchsurfing“ und „Warmshowers“ (die Couchsurfing-Variante für Radreisende) oder auch einfach zwischendurch viele nette Menschen kennen. Manche sprachen uns an und halfen bei der Hotelsuche, andere schenkten uns Obst während der Pausen oder reichten uns Wasser aus dem Truck. An einem Abend gerieten wir durch einen netten Kontakt in eine geschlossene Gesellschaft - die Abteilung für Strahlentherapie des örtlichen Krankenhauses hatte ihre jährliche Party – und wir bekamen mehr Shrimps, Tintenfisch, Bananen und Früchte geschenkt, als wir trotz eines langen Fahrradtages essen konnten. Nur die Aufforderung zur Karaoke lehnten wir dankend ab, wir wollten es uns mit unseren neuen Freunden schließlich nicht gleich wieder verderben. In Thailand stellten wir mit 44,6 Grad Celsius auch unseren bisherigen Hitzerekord auf.

 

Der Grenzübertritt nach Kambodscha ist für seine korrupten Beamten berüchtigt, wir hatten einen ganzen Tag nur dafür eingeplant. Auch uns wurde das bekannte „offizielle Dokument“ von 2014 vorgelegt, was die Visagebühr um gute 25% anhebt. Dass hier vieles nur über Schmiergeld läuft, muss man unseres Erachtens als Besucher dieses Landes zwar nicht gutheißen, aber akzeptieren, und dass man als Ausländer fast immer höhere Preise zahlt als die Einheimischen, ist bei dem hiesigen Lohnniveau absolut verständlich. Aber ein bisschen mehr Kreativität und Gerissenheit als ein 3 Jahres altes Schreiben, das in Zeiten des Internets sofort als Fälschung entlarvt ist und im Übrigen auch in jedem Forumsbeitrag erwähnt wird, darf man schon erwarten. Wir versuchten alles, riefen die Homepage des Ministeriums mit der offiziellen Gebühr auf, verwiesen auf unsere alten Visa von 2016, probierten die nette Art mit „maybe they just changed it...“ - keine Chance. Also machten wir es uns im Schatten bequem, aßen von unserer Bananenstaude, die hier einen festen Platz auf dem Gepäckträger hat und unterhielten uns mit den TukTuk - Fahrern. Als wir beide anfingen Tagebuch zu schreiben, ging es plötzlich ganz schnell, wir würden zum Schalter zurückgerufen, sollten den offiziellen Betrag zahlen und hatten keine 2 Minuten später unsere Visa in der Tasche. Ob man uns für Journalisten gehalten hat, der Chef gerade Kaffeepause hatte oder es andere Gründe gab, können wir nur spekulieren, aber insgesamt hat der ganze Grenzübertritt keine Stunde gedauert. Willkommen in Kambodscha!

 

Die erste Stadt hinter der Grenze ist wahrlich keine Schönheit, Koh Kong wurde bis vor gar nicht allzu langer Zeit der „Wilde Westens“ Kambodschas genannt und war vor allem für Kasinos, Drogenschmuggel und Prostitution bekannt. Das sprach uns jetzt nicht so richtig an, also fuhren wir früh am nächsten Morgen direkt weiter in den Boutum Sakor - Nationalpark. Die nächsten zwei Tage ging es zwar nie über 400 Höhenmeter, aber stetig auf und ab durch endlosen Urwald. Die heftigen Regenschauer zwischendurch waren eine willkommene Abkühlung, bei der Hitze ist an Anstiege wie in Europa überhaupt nicht zu denken. Wir genossen fantastische Aussichten auf das Kardamomgebirge und hofften jeden Tag vergeblich auf eine Elefantenbegegnung. Zahme Elefanten waren uns schon in Thailand entgegengekommen, worauf wir beim Anblick der riesigen Tiere spontan die Straßenseite gewechselt haben. Auch ein Krokodil schwamm mal in einem der Gewässer neber der Straße, einen großen Waran konnte Laura gerade noch so von der Straße hupen (erster sinnvoller Einsatz der Fahrradhupe). Im Nationalpark übernachteten wir in einem Homestay im einzigen Dorf bei einer netten Khmer-Familie, pünktlich mit Beginn eines heftigen, stundenlang anhaltenden Wolkenbruches kamen wir an. Die nächsten Tage waren geprägt von einem nicht enden wollenden Strom an „hello“ und „byebye“ von ausnahmslos jedem Kind über 2 Jahren. Gruppen von Kindern sind besonders euphorisch, da wird auch schonmal wild gesprungen oder getanzt. Aber auch viele Erwachsene grüßen herzlich und winken vom Straßenrand oder aus entgegenkommenden Trucks, als westlicher Fahrradfahrer ist man hier eine sehr seltene Spezies. Und was den Straßenverkehr angeht ganz sicher mit weitem Abstand am Ende der Nahrungskette angesiedelt. Auf dicht befahrenen Straßen fahren wir stets auf dem Schotter neben dem Seitenstreifen und möglichst entgegen der Fahrtrichtung, dass wir sehen, was auf uns zukommt. Jede kleinste Straße, wenn irgendwie mit dem Rad befahrbar, ist uns lieber als die Nationalstraßen, auf denen ein LKW munter den nächsten mit viel zu hohem Tempo überholt, um entgegenkommende Fahrzeuge mit Lichthupe zum abruptem Abbremsen zu zwingen. Dagegen herrschten auf dem Balkan geordnete Verhältnisse. Abseits der Hauptverkehrsachsen und auch in den Städten lässt es sich ganz ordentlich fahren, auch wenn Verkehrsregeln den Khmer völlig fremd sind.

 

Wir hatten von einer schönen, ruhigen Bucht kurz vor Sihanoukville gelesen, in der ein britisches Pärchen ein Restaurant und ein paar Zelte am Strand für Gäste haben sollen, wo wir unbedingt hinwollten. Es dämmerte schon, als wir nach über 80 km endlich ankamen, aber keine Zelte weit und breit. Zwei Nachbarn erzählten uns, dass die Briten gerade für mehrere Monate in den Staaten sind. Blöd, denn einen Plan B gab es nicht. Zum Glück wohnte direkt nebenan in dieser Bucht ein Deutscher mit seiner Khmer-Frau, die ein Restaurant eröffnen und Bungalows vermieten wollen. Die Küche war seit einer Woche fertig und der erste Bungalow stand auch schon, sodass wir statt 1 Nacht im Zelt 4 Nächte im schönen Steinbungalow am Meer geblieben sind. Das Handynetz reichte gerade so für Whatsapp und das auch nur in bestimmten Ecken, Wlan gab's überhaupt nicht, Geschäfte oder Bars sowieso nicht. Leider wurde aber auch hier - wie an vielen Stränden Kambodschas und Thailands bisher - sehr viel Müll angespült. In der Bucht selbst leben 5 oder 6 Paare, allesamt Expats oder Expats mit ihren Khmer Familien, wie allgemein in der Gegend um Sihanoukville. Menschen, die mit dem Wohnmobil auf Weltreise gingen und dann in Kambodscha hängen geblieben sind, deutsche Frührentner, die es sich hier für wenig Geld gutgehen lassen und so weiter. Interessante Geschichten waren dabei, aber auch kaputte Lebensentwürfe und solche, die sich nur auf Kosten des Heimatstaates und des niedrigen kambodschanischen Lebensstandards so verwirklichen lassen, was zumindest aus unserer Perspektive einen bitteren Beigeschmack hinterlässt.

 

Die letzten Kilometer nach Sihanoukville waren schnell geschafft. Jetzt kümmern wir uns erstmal um unser Visum für Vietnam, denn bis dahin sind es auch nur noch ein paar Hundert Kilometer. Den größten Teil Vietnams planen wir mit dem Zug zu durchqueren, denn über 2000 km zwischen Ho Chi Minh City und Hanoi immer entlang der flachen Küstenstraße erscheint uns doch etwas eintönig. Wir freuen uns jetzt schon wieder auf die bergige Landschaft im Norden Vietnams und in Laos, und die hoffentlich kühleren Temperaturen.

 

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Comments: 2
  • #1

    Martina Brümmer (Tuesday, 28 November 2017 07:41)

    Hallo, Ihr zwei, immer mal wieder habe ich nachgeschaut, ob meine Reise als Blog-Touristin :))) weitergeht. Und heute Morgen dann dieser ausführliche Bericht und so besondere Fotos! Ich bin beeindruckt. Noch im Bett mit meiner zweiten Tasse Kaffee staune ich und bewundere Euch sehr. Wie schön, dass Ihr so viel freundlich-fröhlichen Menschen begegnet. Viele liebe Grüße aus dem kalten, regnerischen Bonn, Martina

  • #2

    Mario (Tuesday, 19 December 2017 11:18)

    Wart ihr schon in Hanoi? Wir sind ab Mitte Januar da ;)